TEXT

EIN SPIEL MIT DEN ERWARTUNGSHALTUNGEN
Isabelle Meiffert, February 2017

Eine überdimensionierte Staubschutzmaske, eine vergrößerte Kabeltrommel, ein aus der Wand ragendes Sägeblatt, eine Leiter aus Kabeln oder ein Händedruck – viele Arbeiten von Erik Andersen beziehen sich auf Objekte und Gesten aus dem Arbeitsalltag von Künstler_innen. Seine Bilder und Skulpturen sind aufwändig gefertigt, ästhetisch reduziert und konzeptuell pointiert. Sie leben von minimalen Eingriffen, wodurch die Gegenstände transformiert, ihreFunktionen ad absurdum geführt und Widersprüche erzeugt werden. Bei Betrachter_innen werfen sie Fragen auf, lösen Unsicherheiten aus oder fordern Partizipation ein.

Die Arbeit Cut besteht aus einer schmalen, scharfkantigen, mehrere Meter langen Rille, die in etwa 30 cm Höhe parallel zum Boden verläuft. An ihrem Ende scheint ein Sägeblatt aus der Wand zu ragen. Durch diese geringfügige Intervention werden bestehende Wände und Räume selbst in künstlerische Arbeiten überführt. Vermag sie auch, sie zumEinstürzen zu bringen? Die Wand als das Gebäude stützende, den Raum herstellende und dessen Innenleben schützendes Objekt gerät plötzlich ins Wanken. Fest und verlässlich vorhanden geglaubte Strukturen werden in Frage gestellt. Eine andere Skulptur besteht aus einer aus Verlängerungskabeln zusammengeknoteten Rettungsleiter, die nur durch ihren Anschluss an zwei Steckdosen an der Decke gehalten wird. Trägt diese Verbindung das Eigengewicht der Leiter? Oder wurden ihre Kabel zusätzlich fixiert? Würde sie gar dem Gewicht einer Person standhalten? Dem Reiz, das zu prüfen, kann ohne eine Zerstörung der Arbeit nicht nachgegangen werden.

Die vergrößerte Kabeltrommel aus Epoxidharz mit schwarzem Pigment liegt auf dem Boden und irritiert. Handelt es sich um ein Überbleibsel von Aufbauarbeiten, ein Ready-made oder eine klassische Skulptur? Auf den zweiten Blick sind deutliche Spuren des Arbeitsprozesses zu sehen: Überschüssiges Material, dass aus den Schalen gelaufen ist, Nahtstellen, die nicht kaschiert wurden. Die Skulptur legt ihren eigenen Entstehungsprozess offen. Das Kabel dreht sich um die Trommel und steckt oben in ihrer eigenen Steckdose. Sie scheint ihre Energie nur aus sich selbst zu speisen. Ein in sich geschlossener Kreislauf, der sich selbst genügt und gleichzeitig über eine anziehende Materialästhetik verfügt – ein mattes Schwarz, auf dessen Oberfläche das Licht sanft gebrochen wird und das zum Anfassen animiert. Das Objekt könnte auch eine augenzwinkernde Metapher für ein traditionelles, verklärtesKünstler_innenbild sein: das aus sich selbst schöpfende Genie, das keinerlei äußere Einflüsse benötigt. Doch die Arbeit Maske (Selbstportrait) offenbart ein anderes Künstler_innenverständnis und konterkariert zugleich das klassische Portrait: Statt des eigenen Kopfes wird eine Staubschutzmaske, ein klassischer Arbeitsgegenstand des Künstlers, präsentiert. Lediglich im Inneren der Maske verrät der Eindruck seiner Mundpartie einen Teil seiner Silhouette. Der Künstler zeigt sich nur durch seine Absenz und tritt hinter seiner Arbeit zurück. Diese Haltung ist auch bei seinen Gemälden zu spüren: Bei der Canvas-Serie handelt es sich um abstrakte Malereien, die sich auf das Material und die Struktur der Leinwand selbst beziehen. Die Leinwände stellen sich selbst dar, sie sind abstrakte Gemälde und leere Projektionsflächen zugleich.

Viele Arbeiten von Erik Andersen fordern ihre Betrachter_innen dazu auf, gedanklich wie räumlich neue Perspektiven einzunehmen. Canvas #2 führt das auf sehr direkte Weise vor: Die monochrom schwarz lackierte Leinwand wird etwa einen Meter von der Galeriewand abgerückt präsentiert und ermöglicht so einen Blick auf ihre Rückseite und ‚ hinter dieFassade’ (lat. Facies für Angesicht,Anblick). Neugierige Betrachter_innen entdecken eine abstrakte Malerei der Canvas-Serie. Auch bei diesen Bildern interessieren Erik Andersen skulpturale Fragestellungen wie ihre Vielansichtigkeit, ihre Materialität und ihr Raumbezug. Ihr Ausstellungskontext und die (auch räumliche) Partizipation von Besucher_innen werden stets mitgedacht.

Seine Arbeiten haben vielfach Objekte, mitunter aber auch soziale Interaktionen zum Ausgangspunkt: Ein Handschlag ist eine alltägliche, eher förmliche und doch intime Geste. Trotz der Flüchtigkeit ihrer Berührung sagt sie viel über ihr Gegenüber aus – behauptet Sicherheit, verrät Unsicherheit, lässt Empathie erspüren, Zugewandtheit wie Distanz sich offenbaren. Sie vermag es, Vertrauen auszudrücken und herzustellen. Der überdimensionierte, etwas über Hüfthöhe von der Decke hängende Handschlag aus Keramik von Erik Andersen wirkt fest und verspricht Verbindlichkeit. Die beiden ineinander greifenden und innen hohl scheinenden Hände animieren Betrachter_innen dazu, ihre eigenen Hände in die Öffnungen links und rechts zu stecken. Die Skulptur regt zufällig aufeinandertreffende Menschen zu einer persönlichen Begrüßung an – und negiert sie vordergründig, denn die Öffnungen sind nicht miteinander verbunden. Sie unterwandert Erwartungshaltungen, irritiert und verhandelt Grenzen und Potenziale menschlicher Kommunikation.

Erik Andersen's Werke sind von Alltagsobjekten und - gesten inspiriert, die häufig im Arbeitsumfeld von Künstler_innen zu finden sind. Sie spielen mit deren Versprechen und den Erwartungshaltungen der Betrachter_innen. Sie irritieren und laden auf humorvolle Weise ein, physisch oder imaginativ zu partizipieren. Viele seiner Arbeiten werden erst durch die Mitwirkung der Rezipient_innen vollendet: durch eine Begrüßung, einen Gang hinter ein Werk oder das gedankliche Umstürzen von Wänden. Seine objektbezogenen Arbeiten stoßen Prozesse an, erzeugen fruchtbare Momente und zelebrieren die Vielzahl daraus resultierender unerwarteter, merk-würdiger, anregender, absurder wie wunderbarer Möglichkeiten.

Studio Erik Andersen, Berlin
A PLAY ON EXPECTATIONS
Isabelle Meiffert, February 2017

An over sized dust mask, an enlarged cable drum, a saw blade that sticks out of the wall, a ladder made of cables, or a handshake: many of Erik Andersen’s objects refer to objects and gestures from the everyday working lives of artists. His paintings and sculptures are elaborately created, aesthetically reduced, and conceptually incisive. They live from minimal interventions through which the objects are transformed, their functions taken to absurd lengths, in this way generating contradictions. Among beholders, they raise questions, trigger insecurities, or demand participation.

The work Cut consists of a long, narrow furrow with a sharp edge, several meters in length that runs at parallel to the floor ca. 30 cm above it. At the end of the furrow, a saw blade seems to stick out of the wall. With this minimal intervention, existing walls and spaces become part of the artistic work. Can they also cause it to collapse? The wall as the object that supports the building and protects space and its interior life, suddenly becomes in stable. Structures once thought to be fixed and reliably present are suddenly questioned. Another sculpture consists of an escape ladder that is knotted together using extension cables, only held to the ceiling by being plugged into two sockets. Will this connection hold the ladder’s own weight? Or were the cables fixed in an additional manner? Would they support the weight of a person? The temptation to test this could not be satisfied without destroying the work.

The enlarged cable drum made of epoxy plastic with black pigment (Kabeltrommel) is placed on the ground and generates a sense of unease. Is this something leftover from setting up the exhibition, a ready made or a classical sculpture? On second glance, clear traces of the work process are visible. Excess material that has run over the  sutures that aren’t hidden. The sculpture reveals its own process of emergence. The cable is rolled around the drum and is plugged into its own socket. It seems to draw its energy from itself. A closed cycle that is its self-sufficient and at the same time has an attractive materiality: a matte black on the surface the gently refracts the light and encourages us to touch it. The object could also be an ironic metaphor for a traditional, romanticized image of the artist: the genius who creates from his or her own essence, who requires no outer influences. But the work Maske (Selbstportrait) [Mask (Self-Portrait)] reveals a different understanding of the artist and at the same time counters the classical portrait: instead of his own head, what is presented is a dust mask, a classical tool of the artist. Only inside the mask does the impression of the mouth betray part of its silhouette. The artist is only shown by his absence and steps behind his work. This attitude can also be found in his paintings: the Canvas series consists of abstract paintings that refer to the material and the structure of the canvas. The canvases simply present themselves: they are abstract paintings and empty projection surfaces at the same time.

Many works by Erik Andersen challenge their beholders to take entirely new spatial perspectives. Canvas #2 presents this in a very direct way: the monochromatic, black lacquered canvas is presented a meter away from the gallery wall and thus allows a view of its rear and “behind the façade”(Latin facies for face, countenance). Curious visitors uncover an abstract painting from the Canvas series. In these pictures as well, Erik Andersen is interested in sculptural issues like multiple perspectives, their materiality, and their spatial reference. The exhibition context and the participation of visitors, in spatial terms as well, is always part of the concept.

His works frequently have objects or social interactions as their point of departure. A handshake is an everyday, rather formal, and yet intimate gesture. Despite the fleeting aspect of the contact it says a great deal about the person opposite — asserts confidence, betrays a lack of confidence, lets us feel empathy, affinity, and distance. It is able to express and create trust. The ceramic sculpture of an over sized handshake hanging from the ceiling somewhat above hip level seems fixed and promises commitment. The two hands that are grasping one another and seem hollow inside encourage visitors to place their own hands in the openings on the left and right. The sculpture encourages random people to engage in a personal greeting, while at the same time negating it, for the openings are not linked to one another. It subverts expectations, disturbs and negotiates the limits and potentials of human communication.

Erik Andersen’s works are inspired by everyday objects and gestures that can often be found in the working environment of artists. They play with their promise and the expectations of beholders. They unsettle and invite beholders to participate physically or imaginatively in a humorous fashion. Many of his works are only completed with the participation of spectators: with a greeting, walking behind a work, or mentally knocking down walls. His object-based works trigger processes, generate fertile moments, and celebrate the number of unexpected, strange, inspiring, absurd, and wonderful possibilities that result.

LIST OF WORKS
Studio Erik Andersen, Berlin